Frühlichter Wochenmarkt

Als du heute versuchst durch Frühlicht zurück zum Hafen zu gelangen, fällt dir dies schwerer als sonst. Nicht das du beladener wärst als üblich, oder du sonst wie lahm zu Fuß, nein, du kommst einfach vor lauter Karren, die mühselig den steilen Hang hinauf in die Stadt gezogen werden, nicht hinunter zum Hafen. Wie es aussieht, sind heute ein gutes Dutzend Händler mit den Schiffen in dem Örtchen auf dieser idyllischen Insel angekommen.
Doch beim genaueren Hinsehen erkennst du, dass es sich keines Wegs um die bekannten Gesichter des Frühlichter Marktplatzes handelt. Diese Leute scheinen von weiter her zu kommen. Aber warum alle auf einmal?
Klar kommen hier und da andere Händler aus der Ferne in die Stadt, um Waren feil zu bieten. Doch beschränkten die sich meist eher auf kleine Buden am Hafen oder vor der Stadtmauer. Und wenn überhaupt, hast du nie mehr als zwei oder drei auf einmal gesehen.
Interessiert bahnst du dir weiter den Weg durch die Grüppchen von Schaulustigen, die sich um das Treiben der Händler gesammelt haben. Du bist sogar kurz versucht, dieses neugierige Pack aus dem Weg zu scheuchen, oder noch besser, sie zur Hilfe aufzufordern, sind doch sie einer der Hauptgründe, wegen dem die Händler kaum voran kommen. Doch fühlst du selbst das Verlangen zu erfahren, was sich hinter diesem Treiben verbirgt.
Erst jetzt fällt dir auf, dass du längst nicht mehr auf dem Weg zum Hafen bist. Ein belangloses Gespräch mit einem der Makler in der Menge vortäuschend – “ Joa und wie läuft’s so in der Makler-…ei?“„Ach gut joa, und selbst… ?“ – findest du dich selbst auf der Anhöhe wieder, wo die schöne Wiese mit dem kleinem Teich in der Mitte das grüne Herz der Stadt bildet. Erstaunt blickst du dich um, denn wie es scheint, möchte keiner dieser Händlerkarren der Straße weiter hinab in die Senke, in der der eigentliche Frühlichter Markt stattfindet, folgen.

„Da kommt Ärger… endlich, ich bin gespannt, was der diesen Rasenlatschern jetzt an den Kopf wirft.“, denkst du bei dir, als du siehst, wie der Herold versucht, sich einen Weg durch die gaffenden Leute zu bahnen.
Die Menge verstummt, als der Ausrufer auf der größten Fläche in mitten der Staunenden stehen bleibt und sich umguckt. Ganz offensichtlich ist er mit seiner Platzwahl einigermaßen zufrieden, doch etwas scheint ihn noch zu stören. Die Stille auf dem Platz wird je durch ein lautes Knallen von Stahl auf Stahl unterbrochen. Wie ein einziger Körper zuckt die ganze Menschenmenge zusammen. Als eine kleine Gestalt durch die Wand aus Leute hervorbricht, atmen gut hundert Münder gemeinsam ruckartig ein. Erneut trifft Stahl hart auf Stahl. Doch diesmal wird einem jedem sofort klar, woher dieser Klang tatsächlich stammt. Es ist nicht der junge Bursche, der mittlerweile eine kleine Kiste durch die Herumstehenden gezogen hat, nein es ist viel mehr der Klang eines Hammers, der einen Nagel durch zwei Leisten treibt.
Ungerührt durch Herold und Menschenmenge, hatten die Händler in aller Ruhe damit begonnen, ihre Marktbuden aufzubauen. Zeit ist Geld denkst du bei dir und richtest deine Aufmerksamkeit endlich zurück auf den Ausrufer.
Dieser steigt mit erhobener Augenbraue, den Blick auf seinen jungen Gehilfen gerichtet, auf die endlich platzierte Kiste. Gut eine Elle höher als vorher, blickt der Ausrufer noch einmal missbilligend auf die eifrig bauenden Händler und rollt andächtig sein mitgebrachtes Pergament auseinander.

„Meine Damen und Herren, da ja scheinbar der Marktplatz kein angemessener Ort mehr ist und man sich lieber hier versammelt … „, die Sprechpause nutze er um noch einmal ein wenig strafend durch die Menge zu blicken, „bin ich natürlich gern bereit, die neuesten Nachrichten direkt an den Ort des Geschehens zu bringen!“
Schwungvoll bringt er sich in Pose, so dass die Kiste unter seinen Füßen bedrohlich wackelt.
„Der Hohe Rat der neutralen Stadt Frühlicht gibt mit sofortiger Wirkung bekannt:
Durch die Erlangung neuer Stadtrechte auf Grund ausgezeichneter Exporterfolge, sieht sich die Stadt Frühlicht in der Lage, fortan einem Jedem mit einer Handelsabsicht einen Stand auf einem gesonderten Marktgelände zur Verfügung zu stellen. Der Hohe Rat bemüht sich, in den nächsten Tagen eine geeignete Vertrauensperson zu ernennen, welche mit bestem Wissen und Gewissen Plätze zu einer geringen Standgebühr vermieten soll.
Die Standlizenzen werden Tageweise nach Standgröße bemessen vergeben. Dem jeweiligen Inhaber wird dadurch ermöglicht, einen kleinen Stand mit verschließbaren Kisten und Schildern selbst zu gestalten.

Weiter wird der andersweltlich genannte „Mittwoch“ in den Stunden zwischen 19 und 22 Uhr zur offiziellen Marktwoche ernannt.
Um diese neue Handhabe zu feiern, lädt der Hohe Rat einen Jeden am kommenden „Mittwoch“ zu einer kleinen Festivität auf dem neu geschaffenem freien Marktgelände in Frühlicht ein. In der Zeit zwischen 19 und 22 Uhr steht es jedem frei, die aufgebauten Marktstände zu betrachten und frei zu handeln.
…“
Tobender Applaus übertönt die üblichen Grußformeln am Ende der Rede des Ausrufers.
Wie es scheint, braucht es gar keine Einladung für die kommenden Tage. Die Meute ist jetzt schon in Feierlaune.
Laut und erregt schwatzend lässt du dich mit der Masse in die nächste Schenke treiben…
„War da nicht noch was? Wollte ich nicht irgendwo hin?“ – schießt es dir noch durch den Kopf als man dir den dritten Humpen reicht…
Zum Wohl!

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