Zur Lage des Reiches [RPG]

Erholung und Schlaf versprichst du dir, als du spät an einem kalten Abend die steinernen Stufen hinauf zum Eingang eines Gasthauses gehst. Soweit du weißt, ist dies das einzige Gasthaus des kleinen Örtchens Schönwalde. Und auch wenn die Kistenstapel, Karren und Lasttiere aller Art dir schon verraten, dass du nicht der Einzige bist, der diesen Tag gewählt hat, um in Schönwalde anzukommen, ist es doch ein kleiner Schock, als du siehst, wie voll diese Gaststube mit Leuten ist.
In den zwanzig Minuten, die du darauf wartest, dass eine der Schankfrauen oder der Wirt dich beachten, und dir einen Platz zuweisen, hast du viel Zeit die Lage zu sondieren. Obwohl die Taverne komplett gefüllt ist und stellenweise sogar abgerissene Gestalten auf der Treppe nach oben oder in den Gängen sitzen, herrscht doch betretene Stille in der Kneipe. Hier und dort wird leise geredet, doch die schiere Masse an Personen müsste viel lauter sein. Du kannst es fast riechen, die Luft ist schwanger mit Sorgen und Nöten. Die Atmosphäre gefällt dir, weil sie nicht zuletzt dein tiefstes Inneres wiederspiegelt.
In der Zeit des Wartens kannst du aber tatsächlich einen freien Platz ausmachen. Ganz weit hinten in einer Ecke sitzt ein Mann alleine an einem Tisch und starrt in der Zeit, in der du ihn beobachtest, regungslos auf einen aufgefalteten Brief.
Nach einer kurzen Weile des Wartens direkt am Tresen, drückt auch dir der Wirt wortlos einen Krug Bier in die Hand. Als du ihm mit einem Kopfnicken bedeutest, dass du einen weiteren haben möchtest, um dich in die Ecke zu der einsamen Gestalt zu setzen, schaut er hinüber zu jener Person, verharrt und seufzt schließlich nur traurig. Er nimmt dir deinen Krug wieder ab und kurze Zeit später hältst du ein kleines Tablett in den Händen, auf dem der Wirt zwei Krüge helles Bier sowie zwei Whiskey in schweren, kleinen Gläsern stellt.

RPG Lage des Reiches

Minecraft Mittelalter RPG – Zur Lage des Reiches

Du verharrst einen Moment vor dem Tisch des Mannes in der Ecke. Er scheint tief in Gedanken versunken zu sein. Er liest nicht … er blickt einfach nur leer auf den Brief in seiner Hand.
Doch noch bevor du dich fragen kannst, ob du ihn nicht doch lieber seinen Gedanken überlässt, schaut er zu dir auf. Eine unbeschreibliche Fahne von Alkohol und Bier weht zu dir herüber, als die relativ nobel, aber ungepflegt und schon lange ohne Kleiderwechsel gekleidete Person zu dir sagt: „Kommt, keine falsche Scheu, setzt Euch Fremder. In diesen Zeiten spielen Rang, Stand und Namen keine Rolle mehr. Erzählt mir Eure Geschichte… möge sie eine bessere sein als die meine.“
Überrascht wegen der klaren Worte – hattest du doch erwartet, dass er bei den Alkoholausdünstungen keinen geraden Satz mehr formulieren könnte – setzt du dich ihm gegenüber und stellst jedem von euch eines der mitgebrachten Getränke hin.
Stumm beobachtet dich dein Gegenüber. Doch immer wenn du ein Getränk zu ihm stellst, nickt er dir dankbar zu.
Erst als du deinen Krug zum Anstoßen erhebst, schreckt der Mann hoch, faltet eilig den Brief zusammen und versteckt ihn in seiner Innentasche.

„Also Fremder, erzählt mir, woher stammt Ihr?“, eröffnet er das Gespräch.
Du erzählst ihm von deiner Anreise aus Lagos, dass auch du dem Evakuierungsbefehl gefolgt bist. Wehmütig und mit einer Träne im Auge berichtest du ihm auch so gut es geht von deinem Leben in Lagos, wie es früher in der guten Zeit war. Das Reden über die gute Zeit hilft, sowohl deine als auch seine Stimmung verbessert sich beim Schwelgen in Erinnerungen. Doch als du mit deiner Geschichte endest, ist auch das kurze Gefühl des Glückes wieder dahin. Noch intensiver als zu vor verspürst du nun die Trauer und Verzweiflung, die sich nach und nach immer tiefer in dein Bewusstsein drängen.
„Nun … mein Freund“, versuchst du zaghaft eine engere Verbindung zu dem bisher recht schweigsamen Mann aufzubauen, „das war meine Geschichte … wie steht es mit Euch? Was führt Euch hier her? Und woher kommt Ihr?“.
„Wer ich war, was ich hatte und woher ich komme. Ja, vor einigen Monaten hatten diese Fragen noch eine Bedeutung. Heute bin ich nur noch ein Diener des Reiches. Und alles, was jetzt noch zählt, ist, wohin ich gehe.“, antwortet er dir nach einem tiefen Schluck aus dem Whiskeyglas.
Unmerklich leiser werdend führt er fort: „Ich werde schon morgen, noch vor dem ersten Sonnenstrahl, eine Gruppe von fünf Bannern nach Gwin-Bar führen. Die letzten Männer … „.
Wieder macht er eine bedeutungsschwere Pause. Als du versucht bist nachzuhaken, wovon er da spricht, fängt er von sich aus an, weiter zu erzählen:
„Morgen werde ich die letzten Tore schließen und die letzten Bewohner einer dereinst prunkvollen Stadt auf eine Reise anführen. Für viele, und ich hoffe nicht für alle, wird es die letzte große Reise sein …“.
„Ich versteh nicht recht … Welche Stadt meint Ihr?“, platzt es aus dir heraus.
„Sendelminar, Nadel der Wüste … meine geliebte Heimat …“.
„WAS? Jetzt auch Sendelminar? Ist die Stadt schon komplett evakuiert? Eigentlich war ich auf direktem Wege…“, doch ein langsames Nicken des Fremden lässt dich unterbrechen.
„Ja, deswegen sitze ich hier. Morgen schließe ich die Stadt und überlasse die Reste den Narren, die sich weigern, dem Evakuierungsbefehl Folge zu leisten und sich stattdessen lieber im Turm verschanzt haben. Den Turm gegen die Orkhorden zu halten ist aussichtslos, aber leider hat nicht jeder meiner Bürger das eingesehen.“ Langsam richtet er sich auf und zieht den Brief, den er vorhin so eilig zu verstecken suchte, hervor.
„Wisst Ihr, ich sehe keinen Grund mehr darin, es vor jedem geheim zu halten. Es tut mir sicher gut, mit jemanden klar darüber reden zu können. Hier, lest selbst!“, er reicht dir den gefalteten Brief und erhebt sich.
Mit einer kurzen Geste bedeutet er dir, dass nur du diesen Inhalt lesen sollst, und dass er sich um neues Bier und seine Erleichterung kümmern würde.
Der Brief ist auf schwerem und teurem Papier verfasst worden. Als du die erste Seite umschlägst, fällt dir sofort ein schweres wächsernes Siegel ganz am Ende des Dokumentes auf.
Es ist das königliche Wappen und das königliche Siegelband, was dort auf dem Pergament prangt.
„Puh…“, blähst du deine Backen auf, zu mehr Erstaunen bist du heute nicht mehr fähig und beginnst schließlich das Dokument zu lesen.

Sehr geehrter General Bürgermeister,

wie sie vielleicht an dieser Stelle empört bemerken, haben wir sie nicht mit den von Ihnen gewohnten Titeln angesprochen. Doch im nachfolgenden Schreiben werden wir dies erklären und hinreichend darlegen.
In Anbetracht unserer langjährigen Beziehungen und einer Art Freundschaftlichkeit, möchte ich Euch an dieser Stelle einen Gefallen tun, um den Ihr mich seit einigen Jahren bereits betet. Bisher hatte ich direkten Befehl, Euch diesen Wunsch zu verweigern, aber da der König nicht mehr im Lande ist, habe ich keine erneuten Instruktionen in Sachen Geheimhaltung erhalten. Auch muss ich diese Worte hier und jetzt niederschreiben, da ich mich am Ende dieses Briefes mit der Herausgabe der Informationen des Hochverrates strafbar machen würde. Doch bis dahin seid Ihr, was ihr wart, und Euch stehen diese Informationen zu.
Ihr batet mich, seit den ersten Begegnungen mit den Orks, den ersten Berichten und Gerüchten, um direkte Übermittlung der geheimen Informationen, die das Reich über alle Aktivitäten der Orks aufzeichnen konnten. Der König und seine militärischen Berater hielten es dereinst für sinnvoll, zur Panikvermeidung all diese Informationen geheim zu halten und auch die Höchsten des Reiches nicht wissen zu lassen.
Auch wenn dies alles viel zu spät kommt, kann ich Euch über den Verlauf der Invasion Folgendes sagen:
Die Orks kamen aus dem eisigen Süd-Westen. Sie mussten viele hundert Meilen des Packeises überquert haben. Unsere Späher haben das Land weit in alle Himmelsrichtungen durchstreift. Doch weder Abenteurer noch Kartographen konnten auch nur erahnen, von wo diese Kreaturen ursprünglich kommen. Alles was man wusste, dass sie sich vermehrten. Teils brachen sie den Willen und den Verstand der Menschen und machten sie zu den ihren, teils zogen und ziehen sie noch immer ihre eigenen Kinder mittels grausigen Ritualen und blutigen Bräuchen zu dem heran, was sie selbst sind, Monster.
Die Geheimdienste meldeten für die nächsten Monate Orksichtungen überall herum um das Reich. Die Orks haben sich aus dem Norden um das Reich herum aufgestellt und uns von allen Seiten gleichzeitig angegriffen. Nur der südliche Seeweg scheint bis heute orkfrei zu sein.

Nach und nach gingen die Orks vor allen wichtigen und großen Städten in den Belagerungszustand, zermürbten die Städte und Bürger. Das war die Zeit, als erste Evakuierungsbefehle gesendet wurden.
Ihr erinnert Euch sicherlich noch allzu lebendig an meine langen Briefe, die auch den Bürgern Dschununs und im besonderen Sendelminars, Nadel der Wüste, Hauptstadt Dschununs, die Evakuierung befahl. Es ist viele Monde her, und Eure Bürger sind größtenteils wohlbehalten in Gwin-Bar angekommen, soviel kann ich Euch versichern.

Zunächst war der Strom an Flüchtlingen noch gering. Niemand wollte so recht glauben, welche Gefahr das Reich bedrohte, hatte doch die Geheimhaltungspolitik vortrefflich funktioniert. Doch als erste Berichte eintrafen, dass Städte – wie zu Beginn Kathea – niedergebrannt und zerstört wurden, kamen die Massen.
Der Stadt Gwin-Bars vermochte es schon wenige Tage nach den grausigen Nachrichten nicht mehr, die Zahl der Fliehenden zu fassen. Mittlerweile platzt Gwin-Bar aus allen Nähten, die Nahrungsreserven und Ressourcen sind beinahe aufgebraucht.
Viele wichtige Lieferungen aus den Städten und der Kornkammer des Reiches blieben aus und wir mussten früher als geplant auf die Notreserven zurückgreifen.
Vor einigen Tagen hat auch der König das Reich verlassen. Auch wenn er sich mit Händen und Füßen gewehrt hat, ist es doch geltendes Kriegsrecht, dass die Kriegsminister gegen die Stimme des Königs seine Evakuierung anordnen können.
Viele der Flüchtlinge versuchen jetzt ebenfalls eine Passage zu der Insel Bar Varna zu bekommen. Bisher scheint die Insel von der Orksbedrohung nicht betroffen zu sein.
Die Reste des Reiches werden also nur noch von den Räten und den engsten Vertrauten des Königs nach seinen Angaben und Gesetzen geführt. Nur das versetzt mich in die Lage, diese längst überfälligen klaren Worte an Euch zu richten.
Ich möchte euch die letzte Tabelle zukommen lassen, die unsere Strategen zuletzt herausgegeben haben.

Alkhadhar:
Lagos: Belagerung steht bevor
Milling: keine Informationen

Das Prinzipat:
Deliberatio: zerstört
Namora: Kontakt abgebrochen, Letzter Stand: Belagert
Valyrias: evakuiert, verlassen

Luxlaminas:
Ashvalion: Kontakt vor Monden abgebrochen, vermutlich gefallen
Ath Cliath: Belagerung, Hafenblockade
Haven: umkämpft

Dschunun:
Sendelminar: Späher melden Orkhorden, Evakuierung läuft
Arradon: leistet Widerstand gegen Belagerung, 3 Banner

Caladia:
Dartmoor: evakuiert, gefallen
Gwin-Bar: Belagerung steht bevor, Ressourcenknappheit, 60 Banner

unabhängige und freie Städte:
Haithabu: gehalten, Belagerung zurück geschlagen, Otikito + 1/2 Banner wilder Nordmänner, es wird über Walkürensichtungen gemunkelt
Kathea: gefallen, übernommen
Ravenwood: Kontakt abgebrochen, unbekannt

Wie Ihr unschwer erkennen könnt, das Reich ist am Ende. Wenn die Orks nicht auf der Stelle zurückgeschlagen werden, sind wir alle verloren.
Und dies alles, mein Freund, bringt mich zu einer meiner schwersten Aufgaben dieser Tage:
Es ergeht, aus dem Beschluss des Königs und der Räte vom Tag 14 des Jahres 536 ndS, dass ab sofort alle Nationen, welche unter der Krone dienen, aufgelöst werden. Da das Reich auf Grund der Krisensituation nicht mehr in der Lage ist, seinen Untergeben hinreichend Schutz zukommen zu lassen, sieht die Krone sich nicht mehr in der Lage seinen Teil der heiligen und alten Verträge einzuhalten und entlässt einen Jeden aus seinem Bund.
Dies beinhaltet auch die offizielle Entlassung aller Amts- und Würdenträger und somit auch die Aufhebung ihrer Schwüre und Eide.
Ja, ihr versteht richtig, Ihr, sowie alle anderen, seid von euren Ämtern enthoben und frei.

Nun lieber Freund, Ihr versteht jetzt, weshalb ich auf eine korrekte Anrede verzichtete.
Weiter heißt es:
Allen nun freien Beamten, Heerführer, Staatsoberhäupter und einem jedem Freiwilligen sei offiziell eine Stelle unter der Flagge Gwin-Bars angeboten. Das Heer heißt einen jeden willkommen und ist bemüht jedem angemessen seines früheren Ranges einen Posten zukommen zu lassen.
Somit, werter Bürgermeister, bin ich bemächtigt, solltet Ihr mit Euren Männern sich der Sache der Menschheit in diesem Reich anschließen wollen, den Rang eines Generals zu verleihen. Eure Männer und wahlweise fünf weitere Banner würde die Krone unter Eure Führung stellen.
Solltet Ihr uns helfen wollen, und diesen Bedingungen zustimmen, so lasst packen und eilt so schnell Ihr könnt mit Euren letzten Männern in die Hauptstadt.
Nun, da ich das Schlimmste hinter mich gebracht habe, muss ich diesen Brief auch leider enden lassen. Ich hoffe sehr, Euch schon bald gerüstet an unserer Stadtmauer, so herzlich ich es in diesen Tagen vermag, zu begrüßen. Ich bete zu den Göttern, dass Ihr uns helft, als freier Mann unter Gleichen.
Alle notwendigen und amtlichen Dokumente lasse ich Euch zukommen, sobald sie fertig gestellt sind. Es erweist sich als ausgesprochen hinderlich, die vielleicht letzten Schlachten der Menschheit zu planen, wenn man derartig viel Papierkrieg damit hervorruft.

In Erwartung eines baldigen Wiedersehens, ein alter Freund

Reichsobersekretär Nicolas Haagen
im Namen seiner Majestät dem König Calad Amars

Du hast kaum geatmet, während du dieses Schreiben gelesen hast. Dieser Zettel, diese Geschichte… Es hast dich vollkommen in seinen Bann gezogen, diese Worte des … Reichsobersekretärs… zu lesen.
Dein Nacken schmerzt, als du deinen Kopf hebst. Doch vor dir sitzt niemand. Ein großer Teil der Gäste ist mittlerweile aus der Schankstube verschwunden. Wie viel Zeit ist vergangen? Du hattest das Schreiben vielleicht zwei- oder dreimal gelesen…
Auf dem Tisch vor dir steht nur noch ein Krug. Das Bier darin ist mittlerweile warm und schal. Darunter findest du einen kleinen Zettel. In einer kaum noch zu erkennenden Handschrift steht dort geschrieben:

Verbrenn es, vergiss es. Danke für das Gespräch, pass auf dich auf, mein fremder Freund.

Der Bursche war doch betrunkener, als du dachtest, anders kannst du dir dieses Gekrakel nicht erklären. Auch wenn der Wirt eigentlich kein Zimmer mehr frei hatte, bietet er dir die Strohkammer des Dachbodens ohne Kosten an. Dankbar nimmst du dieses Angebot an und als du mit deinem Rucksack in Richtung Treppe zum Dachboden gehst, lässt du kaum merklich eine kleine Kugel im Vorbeigehen in den leise knisternden Kamin fallen.

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